Enneagramm

Aenaea

 

Voller Freude bemerkten Sabine und ich vor etwa zehn Jahren, dass sich mehr und mehr Menschen mit dem Enneagramm beschäftigen. Für uns, die wir uns seit etwa fünfundzwanzig Jahren mit Medizinrädern auseinandersetzen ist das Enneagramm ein weiteres, umfangreiches und wichtiges Medizinrad, das Selbsterkenntnis ermöglicht.

Selbsterkenntnis, nicht Selbsterfahrung oder gar Persönlichkeitsoptimierung, sondern die aus der Selbsterkenntnis gewonnene Verantwortung im Sein ist das Wesentliche dabei, und dadurch das Entstehen oder wieder entflammen von tiefer, spiritueller Verbundenheit. Von Erwachen.

Das Enneagramm beschreibt Charakterfixierungen. Charakterfixierungen, mit denen ein Mensch auf die Welt kommt, ja, etwas, was sogar Mütter bemerken und beschreiben können, wenn das Kind noch im Mutterleib ist. Das, was Hebammen und Säuglingsschwestern bei Neugeborenen wahrnehmen.

Das darf nicht mit Persönlichkeit verwechselt werden. Persönlichkeit ist die oberste Schicht, die Maskierung, die Ansammlung von Eigenschaften und Verhaltensabläufen, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Tatsächlich im Lauf des Lebens, wobei die Zeit bis zur Pubertät und die darauffolgende Zeit bis zum Erwachsenwerden maßgeblich ist, aber auch später noch formt sich Persönlichkeit. Das ist "das was nach außen dringt", von der Charakterfixierung. Oft ist die Charakterfixierung verdeckt oder verschleiert von Persönlichkeits-Anteilen, ich könnte auch Persönlichkeits-Masken sagen, eben von diesem Sammelsurium aus Gelerntem, aus Reaktionsweisen, aus Anpassung, Schmerzvermeidung und Traumata.

Diese Verschleierungen, diese Verschleierungstaktiken, die Illusionen des Selbst, sind energetische Strukturen, also der "Gegenstand" den wir aufspüren und bearbeiten, wenn wir von Persönlichkeitsentwicklung sprechen und an Persönlichkeitsentwicklung arbeiten. Eigentlich sollte es Persönlichkeits-aus-wickelung oder gar Charakterfindung heißen. Das ist die Arbeit an der Essenz. Das Finden, das Wiederfinden der lebendigen Essenz.

Ich habe dazu folgendes Bild gefunden:

9 Instrumente klingen in unendlich vielen Räumen. Nehmen wir zum Beispiel ein Saxophon.
Wie klingt ein Saxophon im Kleiderschrank? In einem Wohnzimmer ? In einem Schwimmbad voller Erstklässler? In einer Fabrikhalle oder auf einer Baustelle wo gehämmert, gebohrt und geflexst wird? Die Klangumgebungen sind die Persönlichkeiten. Die Instrumente die Charakterfixierungen. Über die Änderung der Räume, der Schallreflektion wird der Klang des Instrumentes beeinflusst, man kann ihn besser oder schlechter hören, brillianter oder stumpfer, halliger oder trockener, obertonreicher oder obertonarm. . .seine Schönheit wahrnehmen oder seine Dissonanz. . .
Persönlichkeit ist also das, was von der Fixierung durchtönt (per – sonare. ) Persönlichkeit ist auch das, womit wir identifiziert sind. Fixierung auf Identifikation ist das Problem.

Die Frage ist tatsächlich: Wie stark ist meine ursprüngliche Charakterfixierung verschleiert, zugeklebt mit Verhaltensweisen, die ich aus Selbstschutz, Angst oder zum Gefallen anderer angenommen habe? Wie stark behindere ich damit das Durchklingen des Charakters und des darunter liegenden Selbst oder der Essenz. Ja. Das sind die Schichten, über die sich jeder bewusst sein sollte, der mit der Enneagrammarbeit beginnt.

Das Enneagramm ist ein ungemein wertvolles Werkzeug auf dem Weg zur Essenz. Natürlich sind die Übergänge zwischen Charakterfixierung und Persönlichkeit fließend, sie beeinflussen einander und sind auch im eigentlichen Sinn nicht zu trennen. Die 9 Fixierungen im Enneagramm geben uns wertvolle Hinweise, wo wir mit der Suche beginnen können.

Im Grunde genommen können wir heut, in unserer pluralistischen Zeit die Charakterfixierungen gar nicht so einfach auf NEUN zusammenschrumpfen lassen. Natürlich werden wir mehr finden. Aber um beginnen zu können, um überhaupt einen Ansatzpunkt zu finden sind für den Einen oder die Andere Neun Charakterfixierungen schon mehr als genug.

Dabei bleibt es aber nicht stehen. Der nächste Schritt ist ja die prozessorientierte Enneagrammarbeit. Das Enneagramm als Prozessmodell. Hier wirde es wieder Zirkulär, spiralig – und als Mensch, der sich mit Medizinrädern auseinander setzt gaaanz vertraut.

Eli Jaxon Bear: Die große Falle bei der Arbeit an der Persönlichkeit oder an den Umständen liegt darin, dass hier niemals die Frage gestellt wird: Wer hat denn diese Persönlichkeit; wer ist der, der an ihr arbeitet? Geschichten erzählen – soweit es um die eigene geht – ist eine Form von Selbsthypnose, es handelt sich um eine »Trance-Induktion«. Bewusstsein versetzt sich selbst in Trance, und von hier aus beschreibt es fortan die Welt, von hier aus reagiert es auf die Welt und von hieraus entwickelt es persönliche Meinungen und Urteile darüber, wie die Welt denn auszusehen hätte. http://www.impuls4you.de/PRIVATSEITE/PRIVATSEITE1/Enneagramm/enneagramm.html

Darum ist Enneagrammarbeit "ICH"- Arbeit und nicht "DU"- Arbeit. Das heißt, ich kann nicht in übergriffiger Weise zu jemanden hingehen und ihm eine Nummer verpassen und dann alle Äußerungen, all sein Verhalten in eine hübsch nummerierte Schublade werfen.
Ich selbst habe die Bemerkung eines Seminarteilnehmers erst letzte Woche gehört:
"Wenn du eine Acht wärst, wärst du übergriffig und ich könnte nicht bei dir lernen, da ist mein Stresspunkt!"
Aha.
Stempel drauf.
Urteil gefällt.
Verurteilt.
Woher weiß er, dass ich nicht doch eine Acht bin und nur unglaublich viel an mir gearbeitet habe? Oder woher ist er so sicher, dass ich keine Sieben bin, denn Christian Meyer meint, dass 95% aller Pferdeschwanzträger eine Sieben sind. Und ich binde mir meine Haare zusammen, damit sie nicht dauernd im Gesicht rum hängen.(ist das nicht die rigide Eins?) Oder schimmert da gar das Verhalten einer Vier durch? So ein wenig kompensierte Scham und Romantik?! Hmm? Schon mal meine Musik gehört ? Oder doch gar im Elfenbeinturm des Verstandes dahin Fünfelnd?

Sabine und ich arbeiten auch mit dem Enneagramm. Der erste Schritt dabei ist, herauszufinden, ob Kopf, Bauch oder Herztyp. Wir sagen aber (außer wenn wir Körpertypen lesen und damit die einhergehenden Charakterpanzerungen) nie Sätze, die mit "Du bist. . ." beginnen. Das finden wir beide als regelrecht unanständig! Klar, dass wir manchmal Vermutungen anstellen. Aber selbst Verhalten kann nicht so eindeutig ein Hinweis sein, welcher Enneagrammtyp sich da grade verhält.

"Was dabei vielfach nicht erklärt wird, ist die Tatsache, dass einerseits zwei völlig verschiedene Motivationen zu gleichem Verhalten führen können, andererseits aber auch die gleiche zugrunde liegende Motivation ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. […] … können Individuen, die völlig anderen Enneagramm-Typen angehören, äußerlich völlig identisches Verhalten zeigen." (Lendt/ Schwarzlmüller 2004: 22, 23)

Ich kann es nur noch einmal betonen: Die Beschäftigung mit dem Enneagramm ist unglaublich hilfreich und eine wertvolle, sinnvolle Ergänzung zu Medizinrädern oder Systemen, wie dem AQUAL (hier besonders "Integrale Psychologie") von Ken Wilber.

Sobald aber Leute das Enneagramm missbrauchen, um andere Menschen zu be-oder ver-urteilen, damit Grenzen zu ziehen, es gar als Knüppel verwenden wollen, sind diese Leute dabei, das wunderbare und hilfreiche System Enneagramm in Misskredit zu bringen.

Was ich am besten finde, ist, dass das Enneagramm kein statisches, festgelegtes System ist, sondern dass es dynamisch, prozessiv und noch immer in Entwicklung ist. Mir als Musiker ist dabei besonders die von Gurdijeff hervorgehobene Harmonie- und Oktavgesetzmäßigkeit eine große Freude.

Wie entstand das Enneagramm?
Ich zitiere hier aus Johannes Bartels "Auf den Spuren des Enneagramms":

Der älteste sichere Beleg des Enneagramms entstammt der Lehre Georg Iwanowitsch Gurdjieffs, eines „Magiers, Mystikers und Menschenfängers“ aus dem Kaukasus.Ob bei mittelalterlichen Derwischen oder bei christlichen „Wüstenvätern“ des vierten Jahrhunderts, ob bei Pythagoras oder Homer oder gar bei den Chaldäern um 3500 vor Christus (!) – überall meint man, Vorstufen des Enneagramms zu finden. Und in der Tat erweisen sich manche Teilideen des Enneagramms als sehr alt. Doch all diese Vorstufen sind noch nicht das Enneagramm selbst. „Enneagramm“ bedeutet wörtlich nichts anderes als „Neunerfigur“, und daher liegt das fertige Enneagramm m.E. erst dann vor, wenn wenigstens die Geometrie des Neunecks komplett ist. Das in diesem Sinne fertige Enneagramm ist nicht vor 1916 öffentlich bekannt geworden. 1916 ? in diesem Jahr hat der Kaukasier Georg Iwanowitsch Gurdjieff das Enneagramm erstmals seinen Schülern in Petersburg vorgestellt, wie wir aus den Mitschriften von P.D.Ouspensky wissen. Möglicherweise ist das Enneagramm schon vorher bekannt gewesen. Doch das zu belegen ist bisher – trotz intensiven Suchens – noch niemandem gelungen. Und solange die Belege fehlen, bleiben solche Vorschläge spekulativ. Und solange beginnt der Enneagrammfaden also bei Gurdjieff. [. . . ]Was bedeutet nun Gurdjieffs Enneagramm? Zuallererst ist festzustellen, daß das Enneagramm, obwohl es heute fast ausschließlich als Charaktertypologie verstanden wird, für Gurdjieff mit einer solchen Typologie nichts zu tun hatte. Das Enneagramm als Typologie haben einige Jahrzehnte später erst Rodney Collin und dann vor allem Oscar Ichazo entwickelt. Für Gurdjieff symbolisierte das Enneagramm keine Charaktertypologie, sondern – in erster Linie jedenfalls – eine spirituelle Heilslehre.

http://enneagramm.eu/Artikel/117/auf-den-spuren-des-enneagramms-1

 

 

W.M.B. Mai 2014