Lothar

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Ich muss zugeben, dass ich großen Zweifel hatte, als ich loszog. Gleichzeitig fühlte ich mich bei Bozi und Sabine bestens aufgehoben. Man merkt ihnen an, dass sie Tiefgang haben und das alles, was sie tun für das Gelingen des Prozesses jedes einzelnen ist, ohne dass sie einen überfahren oder etwas fordern, was man nicht selbst in der Lage ist, zu leisten.

ich zog also in der frühen Morgendämmerung in den Wald. Worauf hatte ich mich da eingelassen ? Ich brauchte Klärung. Es stand Veränderung an. Gründliche Veränderung. So wie ich die letzten Jahre gelebt hatte, so konnte es nicht weitergehen.

Aber war das alles so einfach? Einfach einen Tag und eine Nacht im Wald sitzen und "schauen was kommt?" Für eine Vision beten ? Aber zu wem ? Ich hatte Bozi in einem Gespräch gesagt, dass ich an nichts glaube, worauf der mich strahlend anschaute und sagte: Dann glaubst du an das größte Potential, das Nichts. . .

 

Dann war ich angekommen. Ich hatte acht Steine gefunden, die mir passend schienen, für einen Steinkreis. War das eine Schlepperei auf den letzten Metern ! Der platz war geräumig unter einer alten Eiche und ich beschloss, den Steinkreis um den Baum herum zu legen. So hätte ich Kontakt mit dem Baum und wäre gleichzeitig geschützt von den Steinen.

"Bitte jeden einzelnen Stein um Schutz!" hatten Bozi und Sabine gesagt. Einen Stein!

Hatte ich mein ganzes Leben lang vernommen, dass ein Stein nur einfache tote Materie ist, ein empfindungsloses Stück Dreck sozusagen! Mich hatte verblüfft, dass die beiden Visionsleiter aus verschiedenen Perspektiven erklären konnten, warum ein Stein nicht nur ein Stein ist. Aus der schamanischen Perspektive, aus der psychologischen: „Also Jung ist der Auffassung, dass . . .“ Bis hin zur Quantenmechanik. Na gut, sagte ich mir, es kann ja sein, dass ein Stein Gedächtnis hat und dass ein Steinkreis so etwas wie ein Leuchtfeuer abgibt, das die Geister und die Tiere respektieren.

Die Lehrlinge von Bozi und Sabine benützen dazu ein ganzes System, das sie Medizinrad nennen, um den Steinkreis magisch aufzuladen.

Ich muss zugeben, ich kam mir komisch vor, als ich dasaß und mich mit einem Stein unterhielt. aber irgendwie machte das etwas mit mir. Ich spürte, wie meine Aufregung schwand und ich ankam.

Dann das ekelhaft riechende zeug, die Bannmischung, die ich hauchdünn über die Steine streute. wegen der Wildschweine. Aha.

 

Die Langeweile. Ich hockte auf meiner Decke und starrte ins Gebüsch. Wenn ich doch wenigstens ein Buch dabei gehabt hätte. Oder eine Zeitung, ein Magazin oder so etwas. Noch nicht einmal Schreibzeug hatte ich dabei. Auch mein Smartphone hatte ich nicht mitgenommen.

Über mir zankte ein Eichelhäher. War das schon ein Zeichen ? Der leise Wind in den Bäumen, das Summen der Insekten. Ich lehnte am Baum und wurde müde. Ich schlief dann sogar etwas. als ich erwachte, stand die Sonne bereits im Westen.

 

"Nimm alles wahr, was ist und spüre dabei ständig was du fühlst." War eine der Anweisungen, die mir Bozi und Sabine gegeben hatten.

Ich fühlte Leere und Langeweile. Aber darunter lag noch etwas. Ich würde es vielleicht nicht Trauer nennen, aber es war so eine Mischung aus Verletztheit und Wut. Aber auch die Hilflosigkeit, in die mich meine derzeitige Situation brachte.

Durfte man im Wald bei einer Visionssuche herumschreien ?

Ich tat es ganz einfach. Ich stellte mir diese ganze beschissene Geschäftsleitung vor, meinen Chef, der mich wie den letzten Dreck behandelte.

 

Die Nacht brach herein. Das Licht, der ganze Wald änderte sich. Glänzte noch einmal auf, dann wechselten die Farben und sanken ins Grau, ins Dunkel.

Der Hunger begann in mir zu nagen. Nur gut, dass mir "erlaubt" war, zwei Liter Wasser dabei zu haben. Verdammte Schlepperei zwar, aber ich konnte trinken. Kaum zu glauben, dass es welche gibt, die drei oder gar vier Tage auf Visionssuche gehen und weder essen, noch trinken. Das sei, wie mir gesagt wurde, die harte oder auch die traditionelle Form, und würde helfen, tatsächlich an die Vision heranzukommen.

 

Vision. Was war damit eigentlich gemeint ? Es macht paff, ein Fenster geht auf und ein Film läuft ab, der einem zeigt, wie alles richtig gemacht wird ?

Es war Nacht. Beinahe wäre ich in meinen Schlafsack gekrochen, weil bis jetzt noch nichts geschehen war. Getrappel Gegrunze und Gequieke hielt meine Aufmerksamkeit gefangen.

Wildschweine! Nur das nicht ! War mein Steinkreis wirklich ein ausreichender Schutz ? Was wäre, wenn ich aus versehen auf dem Lieblingsplatz der Wildschweine gelandet wäre? Sie jetzt ankämen um mich aufzumischen?

 

Die Schweine zogen weiter. Es wurde wieder ruhig und ich saß völlig verkrampft in meinem Steinkreis, in einer Hand meine Taschenlampe, in der anderen Hand mein Schweizer Messer. Völlig unsinnig. Und genauso verkrampft saß ich auch immer da, bei den Besprechungen vor meinem Chef, diesem Psychopathen. Nur dass ich mich da an einer Tasse Kaffee oder an einem Glas Wasser festhielt und einen Kugelschreiber in der anderen Hand hatte.

 

Nachdem die Wildschweine abgezogen waren, und ich bemerkte, wie verkrampft ich eigentlich war, wurde ich erstaunlich ruhig und gelassen. Ich kam sogar in eine Art Hochstimmung. Es war gut hier, in der Nacht, im Wald. Es war gar nicht mehr dunkel, denn der Mond war aufgegangen. Hin und wieder knackte es im Gebüsch, rauschte der Wind in den Bäumen, piepste ein Vogel verschlafen.

 

Ich muss dann doch im Sitzen eingeschlafen sein, denn als ich wieder erwachte, dämmerte es bereits und – das kam mir vor, wie in einem kitschigen Fantasyfilm: Ein Reh stand unweit von meinem Steinkreis, schaute mich aus seinen großen, braunen Augen an, wackelte mit den Ohren, erschrak dann, weil ich mich bewegt haben musste und sprang ins Gebüsch.

 

Hatte ich eine Vision gehabt ? Ich weiß es nicht. Klar ist mir, dass hier noch viel mehr möglich ist. Vielleicht werde ich nächstes Jahr drei oder vier Tage ohne zu essen, ohne zu trinken auf Visionssuche gehen. Denn eines hatte sich wirklich verändert. Ich war angefüllt von von einem sehr, sehr starkem Gefühl. Dem Gefühl von Gewissheit und Dankbarkeit. Ich wusste genau, wie ich handeln und was ich tun musste.

 

Ps.: Ich hab inzwischen einen neuen Job und bin frisch verliebt.

Lothar

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