Ruth

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Liebe Sabine, lieber Bozi,

Hier mein schriftlicher Bericht von der Visionssuche.

Ich hab es bereut, kein Vertrauen gehabt zu haben, was die Steine betrifft. Ich schleppte also eine Tragetasche voller Steine aus dem Camp um dann zu merken, dass es an dem Ort, der für meine Visionssuche geeignet war, genügend Steine gab. Drei Tage hatte ich mir vorgenommen. Ohne Essen, ohne Trinken. Oh, hätte ich doch auf Euch gehört und Wasser mitgenommen, denn mich quälte der Durst bereits, als ich den Steinkreis legte. Ich hätte nie gedacht, dass ich die 20'ger Zählweise so verinnerlicht hatte. Es war ein Fluss und ein Tanz, die Kräfte in die Steine zu rufen und den Steinkreis zu versiegeln. Das machte mich richtig stolz.

 

Lange passierte nichts. Der Durst wurde immer stärker und quälender. Ich steckte dann einen kleinen Rosenquarz in den Mund. Das half.Ich schaute mir den Ort, "der mich gerufen hatte" ganz genau an. Es war eine kleine Lichtung, Im Süden blicksicher eingerahmt,von Büschen. Im Westen standen Buchen eng beieinander. Im Norden dehnte sich der Wald und im Osten gab es eine Lücke durch die ich auf eine Weide schauen konnte und dahinter war ein Rapsfeld mit noch vereinzelten gelben Blüten.

 

Es war ein guter Platz. Ich spürte in mich und fühlte, wie alle Anspannung von mir abfiel. Nur der Durst war da, aber nicht schlimm. Gegen Abend meldete sich der Hunger. Ich durchlitt ein tiefes Gefühl von Deprimiertheit. Also rief ich meine Krafttiere und rief die Ahnen. Wow. Sie waren bei mir. Fast greifbar in ihrer Präsenz. Augenblicklich hatte ich weder Hunger noch Durst. Es war phantastisch.

 

Von den Ahnengesprächen hab ich Euch ja schon erzählt. Und ich will mich kurz fassen, sonst wird dieses Mail zu lang. Ich empfand ein sehr dröges Gefühl den ganzen zweiten Tag lang. Schon bei Morgendämmerung überfiel mich eine tiefe Trauer, oder soll ich vielleicht schreiben Sentimentalität, denn ich war aus dem Steinkreis gegangen, weil ich mal musste und sah in der Morgensonne die Tautropfen in den Ästen und in den Kräutern glitzern. . .Wasser. Wasser. Der Durst peinigte mich so sehr, dass ich sogar beschloss, die Zeremonie abzubrechen. Aber wie habt Ihr beiden gesagt? Bevor du abbrichst, spüre noch einmal tief in dich, ob das auch stimmt. Ob du wirklich am Ende deiner Kräfte bist. Ob du es wirklich nicht mehr aushalten kannst.

 

Ja, ja. Das liebe Ego. Der Bozi nennt es ja immer das Vehikel zum spirituellen Erwachen. Jetzt hörte ich die Stimme meines Ego quäken. Es quäkte, dass ich sterben werde. Das ich verdursten werde. Seltsam nur, dass ich immer noch pinkeln konnte. So ausgetrocknet konnte ich ja gar nicht sein. Und: Auch für diesen Vorschlag mein Dank: Auf halben Weg warteten in einem hohlen Baum zwei Flaschen Wasser auf mich. Für den Heimweg. Ich hatte die Befürchtung, dass es Folter sein würde, der Gedanke, nur zwei, drei Kilometer zu laufen und dann trinken, so dass ichs gar nicht erst so handhaben wollte, das mit dem Wasser. Jetzt aber war das ein total beruhigender Gedanke. Etwas, was mir Sicherheit bot.

 

Der zweite Tag. Ich hielt es aus. Auch wenn der zweite Tag total dröge war. Missgelaunt und grummelnd saß ich im Steinkreis, mir tat das Kreuz weh und die Schulter vom Steine schleppen und es passierte nichts. Nichts, nichts und gar nichts. Nur die Mücken hatten mich gefunden und wollten mich piesacken. Das änderte sich erst als es richtig dunkel wurde. Mit meinen Sinnen passierte etwas. Mit meinen Ohren und meiner Haut. Es war, als könnte ich (ich saß nackt im Steinkreis um die angenehme Kühle zu genießen. Die Mücken hatten von mir seltsamer weise abgelassen) die Geräusche die mich umgaben, das Knacken, das Summen, das Piepsen, das Rascheln und Flüstern mit meiner Haut wahrnehmen. Das war so beglückend, dass ich weinen musste. Ich weinte stundenlang, kroch in den Schlafsack und schlief.Ich erwachte im Morgengrauen.

 

Der Dritte Tag. Noch diesen Tag eine Nacht und ich hatte es geschafft. Der Durst war erträglich. Nur das eklig klebrige Gefühl am Gaumen war unangenehm. Was war mit der Vision ? Ich schaute mich um. Auch die Art meines Sehens hatte sich verändert. Ich entdeckte eine Million Einzelheiten. Ich sah Dinge, die ich sonst nie gesehen – wahrgenommen hätte. Farben und Formen. Überall war Leben. Es wuselte, krabbelte, flog, summte. Krächzte zwitscherte. Emsig beschäftigt. Eine Ameisenstraße lief vom Weststein zum Nordweststein. Die Ameisen hatte ich gestern noch gar nicht bemerkt. Ich schaute ihnen zu und freute mich über ihre glänzenden Körper. Sie schleppten gemeinsam eine kleine tote Libelle. Ich erinnerte mich an Sabine, die über eine Libelle gesagt hatte, dass in manchen indianischen Traditionen die Libelle für Illusion steht. Wenn die Libelle aus dem Ei schlüpft, ist sie ein wahres Monster. Illusionen sind ebenso Monster und Illusionen konnen sich genauso entfalten wie Libellen. Schillernd und bunt sein und voller Anmut sein.

 

Mir machte die Hitze zu schaffen. Seltsamerweise war der Durst gut zu ertragen. Ich muss gestehen, dass ich den größten Teil des dritten Tages döste. Als der Abend dämmerte, überfiel mich ein starkes Glücksgefühl. "Ich habe die Kraft!" Rief ich den Bäumen zu. "Ich habe die Kraft!" Und "Ich kann mich auf mich selbst verlassen !"

 

Es wurde dunkel. Wieder das Knacken und Knistern im Gebüsch. Eine Eule rief. Mir war nach Singen zumute. Stattdessen betete ich unablässig. Dann sah ich im Wald, über den Nordstein hinweg plötzlich pastellbunte Fäden. Kaum sichtbar, aber sie waren da und in diesen Fäden, um diese Fäden herum tanzten Lichtfünkchen. Was war das ? Glühwürmchen ? Geister? Das kleine Volk ? Ich spürte regelrecht, wie in meinem Kopf zwei Entscheidungen zusammen kamen. Angst zu bekommen und mich zu gruseln oder zuzuschauen, voller Demut und mich zu freuen. Ich tat letzteres, auch wenn ich zur ersteren Entscheidung einen stärkeren "Bezug" oder soll ich sagen "Gewohnheit" fühlte.

Ich spürte, wie ich ganz still und ganz leer wurde. Dann hörte ich, nein, das ist nicht richtig, fühlte ich eine sanfte Stimme in mir. Ich konnte Fragen stellen und erhielt Antwort. Alles war so selbstverständlich. Alles war so einfach. Ich begriff. . .nein, kann man „beherzte“ sagen ? Ich „beherzte“, also ich verstand mit dem Herzen, was mein nächster wichtiger Schritt sein wird und von welchen Dingen und Mustern in meinem Leben ich mich trennen würde. . .und. . .ich hatte es bereits getan, hier in diesem Steinkreis und wieder musste ich weinen, aus lauter Glück.

 

Als die Sonne aufging, löste ich meinen Steinkreis auf, ließ ein paar Dankgebete und eine Opfergabe da und lief zurück. Aber wie ich lief! Als wäre ich ein Teil des Waldes geworden, War ich noch auf dem Weg zur Zeremonie laut und stampfend durch den Wald marschiert, dass kleine Äste berstend brachen, so dass es Kilometer weit zu hören war, so lief ich jetzt mit völliger Sicherheit, geerdet und leicht, fast tanzend unter den Bäumen dahin.


Ja. Alles war gut. Ich wusste wes geschehen würde. Ich ahnte sogar einen Teil meiner Aufgabe, hier in der Welt. A Ho.
Ich gab erst einen guten Teil des Wassers den Bäumen und den Kräutern, bevor ich selber trank. Oh, Wasser, du heiliges Wesen.

Ruth

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