Feind Klarheit

Ja, es gibt Menschen, die heutzutage alles widerlegen können. Sie sind ja so schlau.Sie halten Fakten für die Wirklichkeit und wissen nicht, wie sehr Fakten durch die Wahrnehmung verzerrt sind. Wer nicht mit dem Herzen wahrnehmen kann, nimmt nur schwarz und weiß wahr.
(Großmutter Clara)

Auf dem Weg des offenen Herzens, auf dem Weg der süßen Medizin, verstehen wir den Feind Klarheit als einen inneren Parasiten, der uns in dem Eigendünkel festhält, wir hätten bestimmte Sachen schon begriffen und bräuchten sie darum nicht noch einmal zu betrachten, auch nicht um sie zu aktualisieren oder neu einzuschätzen. Auch nicht um sie zu vervollständigen oder gar zu entfernen. Menschen mit dieser Haltung reiten den Feind Klarheit. Besser ausgedrückt wäre: Sie werden vom Feind Klarheit geritten. Was solche Menschen vereint, ist, dass sie unfähig sind, mit dem Herzen zu hören. „Diese Klarheit aber wird zu seinem Feind: Er scheint nun alles zu wissen, zu kennen, zu durchschauen, und erstarrt zu einem sarkastischen Clown.” (Carlos Castaneda)

Fatal ist Feind Klarheit wenn es um spirituelle Thematiken geht.
Darum werde ich hier von Franz Kleinbier* erzählen.

Just in dem Moment in dem der Seminarleiter Anweisungen für die Baumzeremonie gibt, lässt Franz Kleinbier erst einmal durch Körpersprache zu erkennen, dass er mit dem Gesprochenen nicht einverstanden ist. Franz Kleinbier beginnt also zu wippen, sich zu räkeln und mit den Händen zu fuchteln. Schließlich klappert er mit seinen Stiften – und wenn das noch nicht die ganze Gruppe aus dem Konzept gebracht hat, plappert er dann einfach dazwischen. Ich muss nicht erwähnen, dass sein Ton dabei gereizt ist. Aggressiv.

"Humbug", beginnt Franz Kleinbier. "Quatsch, Nonsens, Kokulorus." Dabei schaut er dramatisch in die Runde als würde er den Welterleuchtungstag verkünden. »Ich war schon oft an Bäumen, aber gesagt haben die mir nie etwas. Es ist völlig hirnrissig, weil es einfach nicht funktioniert – und nicht funktionieren kann. Und überhaupt ist das Ganze nur ein Konzept.«
Dabei schwappt sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Energie in den Raum, dass es kaum noch möglich ist, Luft zu holen.

"Svami Blahblah Gugu hat gesagt, dass alles was wir Tieren und Pflanzen andichten nur aus uns selbst kommt," sagt Franz Kleinbier triumphierend und merkt nicht, dass er im Grunde genommen genau das sagt, was der Seminarleiter als eine von vielen Möglichkeiten schon genannt hat, aber da war Franz Kleinbier mit dem Luftballon seiner Phantasien unterwegs, war ausgestiegen weil der Seminarleiter eben etwas sagte, worüber Franz Kleinbier Bescheid wusste. Was ihm klar war. Er hat also abgewinkt und sich innerlich gesagt: »Weiß schon. Alles klar«.

Später im Teilkreis verrät die Mimik und die Körperhaltung, was Franz Kleinbier zu den Erlebnissen der Leute am Baum denkt. Er verzieht schmerzhaft sein Gesicht, als eine Frau bewegt erzählt, dass sie am Baum ganz klare Hinweise empfangen habe, wie sie ihr weiteres Leben mit noch mehr Schönheit füllen könne, er grunzt hämisch durch die Nase, als ein Mann gar in Tränen ausbricht und jedes mal wenn ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin ihre Rede anfängt mit »Der Baum hat mir gesagt«, stielt sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht und man hört ihn leise »gequirlte Scheiße« murmeln.

Er, Franz Kleinbier ist auch am Baum gewesen. Hat beim Pinkeln gegen den Baumstamm in den Wipfel geschaut und etwas empfunden. Aber das was er empfunden hat war so unklar und so wenig zum Einordnen, dass er die Empfindung gleich wieder wegschob und sich mit dem Gedanken beschäftigte, was für Probleme die Frau, diese Zicke, neben die er sich gesetzt hatte und die er im Geist bereits vögelte, wohl habe, denn sie reagierte auf ihn einfach seltsam. Zeigte ihm irgendwie die kalte Schulter, reagierte genervt auf seine Baggerei, sie, die doch so scharf war, wie ein nasser Windbeutel … Aber dann, ja, dann passierte es. Er verfing sich in einer so saudämlich blöden Wurzel, dass er stürzte und genau in dem von ihm eben erzeugten Nass zum Liegen kam. Nein. Das erzählte er natürlich nicht in der Gruppe. Aber alle spürten das.

Ich habe Feind Klarheit auf verschiedene Weise erlebt und ihn auch wie schon beschrieben selbst geritten. Es gibt die höfliche, nachsichtige Form. Mit höflicher Bestimmtheit wird alles abgetan was als neues Wissen an das eigene System an brandet. "Man weiß es ja schon". Die Augen, der Blick verliert sich im Unendlichen. Man liest täglich Zeitung und ist informiert – schade nur, dass die anderen so dumm sind. So wenig aus Herzensenergie leben. Dass einer, der Feind Klarheit reitet, sein Herz im Kopf trägt ist ihm nicht bewusst. Er wird beständig vom offenen Herzen sprechen und darüber Leute verurteilen und bewerten. Für ihn ist das alles völlig klar. Nur die Welt versteht das nicht.

Hierher gehören auch alle die, die ganz offen Wissen als »Hirngesabber« oder »Verkopft« ablehnen. Menschen, die andere Gruppierungen oder Glaubensrichtungen oder Herangehensweisen usw., die sich am Wissen begeistern, als verkopft abtun. Menschen, die beständig behaupten, wie sehr sie im Körper sind. Bis man merkt, wie sehr sie eigentlich im Kopf sind – meist noch viel mehr als jene, die sich mit Mustern und Denkstrukturen auseinandersetzen.

Warum werden Menschen, die sich darüber im Klaren sind, dass der Kopf der größte Feind ist – und sich darum Wissen aneigenen, mit dem sie diesem Feind begegnen können, immer so vehement angegriffen? Leute, die sich Techniken aneignen, mit dem sie ihre schädigenden Denkgebäude und Glaubenssysteme erkennen und verändern können?

Weil sie Lust am Lernen entdeckt haben? Weil sie alte Schulunlust überwunden haben ? Weil sie begriffen haben, was prä/trans Verwechslung ist?
Keine Ahnung. Vielleicht hält sich hartnäckig das Gerücht, man müsse nur im Körper sein und alles wäre gelaufen. Wäre schön. Dann würden Fußballer und sonstige Athleten kurz vor der Erleuchtung stehen. Tolerant, ohne Konkurenzdenken und voller Liebe. Mit offenem Herzen.

* Nur der Name der Person ist frei erfunden.

WMB. 2016