Selbstentwicklung oder Selbstoptimierung?

Alles dreht sich schneller und schneller. Aber dreht es sich wirklich ? Oder wird es einfach nur mit technokratischer Gewalt geschoben und in lineare Verläufe gepresst?

Der Ausdruck für das, was viele zu leben gezwungen sind, nenn ich „ ultrahochbeschleunigten Turbokapitalismus“ und mein inneres Bild ist das einer jaulenden, sich wahnsinnig schnell um die eigene Achse drehenden Turbine, die bereits glühend heiß gelaufen ist und ein riesiges Heer von (Sklaven)Arbeitern, das einzig und allein damit beschäftigt ist, dieses gigantische Turbinenmonstrum vor der Enthropie zu bewahren – vor dem Auseinanderbersten.

In meinem Bild tragen die Sklaven Arbeiter riesige, viel zu schwere Eimer, in denen stinkende Kühlflüssigkeit schwappt und sie rennen und rennen, gießen die Brühe auf die glühende Turbine, klettern auf riesige Gerüste um die Kühlflüssigkeit von oben her auf das Turbinenmonstrum zu schütten, stehen im Qualm, der sich dadurch entwickelt, im giftigen Nebel, der ihre Lungen zerfrisst. Vor Qualm ist kaum noch ist das riesige Schild zu sehen, das neben der Turbine angebracht ist, auf dem ein Wort steht. Wachstum.

Schau ich in die Gesichter dieser Arbeiter, seh ich entsetzte Qual und tiefe Trauer. Ich seh ein „Nein“ und ein „Nicht mehr“, das sich auf den Lippen formen will. Seh den Unwillen und die Erschöpfung in den Bewegungen und den Spalt, den tiefen Spalt zwischen Tun und Wollen. Zwischen Fühlen und Müssen. Zwischen Macht und Ohnmacht.

 

Manche von denen haben rosarote Brillen auf, haben scharfe Sporne an den Ellenbogen und tragen Masken mit optimistischem Blick. Das sind die, die jedes Wochenende in Kurse strömen. Kurse zur Selbst Optimierung. Schneller, besser, klüger, stärker. Durchsetzungskräftiger. Spaltender. Es sind die, die sich motivieren lassen. Neurolinguistische Sprachungetüme, Tranceinduktionen, Gleitanker und Reframings nutzen um noch optimierter zu werden.

Um sich am Markt durchzusetzen. Den Schmerz in den Muskeln weniger oder nicht mehr zu spüren, Die viel zu großen Eimer mit größerer Leichtigkeit zu tragen. Jene zu überholen, die langsamer sind. Schwächer sind. Erschöpft sind. Oder dieses Spiel einfach nicht mehr mitspielen wollen. Die Selbstoptimierten sind die Perfekten, die Sieger, die Führer. Die mit den gespornten Ellenbögen und den Gesten der Macht. Sie tragen die Optimierung wie Mäntel, wie Neuroimplantate und Befehlsschnittstellen. Sie halten sie aufrecht, mit Klauen und Zähnen: Die Illusion.

 

Selbstentwicklung fragt nach Begeisterung. Fragt nach Herz. Wofür will ich wirklich gehen? Was würde mich wirklich nähren – und womit kann ich die Welt um mich herum nähren ? Selbstentwicklung bedeutet, die inneren Reichtümer zu bergen. Die verborgenen Fähigkeiten zu entdecken. Illusionen aufzudecken. Das heißt auch Stille zu finden. Dadurch widerstandsfähiger zu werden gegen das, was durch die unmenschliche Beschleunigung entsteht. Stress. Selbstentwicklung heißt Entschleunigung, aber das meint nicht Verlangsamung. Es gibt ein altes Sprichwort: Eile mit Weile. Das können wir unter anderem von den Tieren lernen. Das größte Tempo in völliger Entspannung zu halten. Ein entwickeltes Selbst ist durch Reife zu erkennen. Die Konditionierungen auf Neid, Eifersucht und Konkurrenz, dieser ewige Krieg in den Herzen löst sich auf. Schmilzt wie Schnee in warmen Händen.

Wie berührst du die Welt? Mit dem Hass deiner Konditionierungen, mit der Illusion, in einer feindlich gestimmten Welt zu leben – oder mit Wärme im Herzen, mit Verständnis und Mitgefühl. „Wer bin ich“ ist das Koan, das dich begleiten wird. Kaum jemand hat es je beantworten können, aber diese Frage ist hilfreich und lebenswichtig, wie die Luft zum Atmen.
Selbstentwicklung findet dort statt, wo es möglich wird, die Welt aus tatsächlich verschiedenen Perspektiven zu betrachten und dadurch auch die „Mechanismen“, die Verstrickungen zu erkennen, die sich oft als Fallgruben erweisen, in denen wir manchmal festsitzen (und es uns komfortabel eingerichtet haben).

 

Ja, natürlich leben wir in einer nondualen Welt. Natürlich ist auch das Selbst eine Illusion. Aber nur für diejenigen, die eine der höchsten Stufen der Erkenntnis erklommen haben. Solange diese höchste Form des Seins noch nicht erreicht ist, bleibt nur die Arbeit am Selbst – die schließlich zum Erwachen führt. *

Schamanismus, insbesondere das Medizinradwissen, aber auch die Erkenntnisse des Integralen Wissens, der Tiefenpsychologie (Kontakt mit dem Unbewussten) und des Zusammenfließens alter und neuer mystischer Weisheitswege (Philosophia Perennis) geben uns wertvolle Werkzeuge und Hinweise für die Arbeit am Selbst, für die Selbstentwicklung in die Hand. Es spürt sich tatsächlich an, wie ein sanftes und dennoch kraftvolles Wandern durch eine veränderte, wunderbar gewordene Welt.

* allein die Begriffe Illusion und Trennung können bereits die Trennung aufrecht erhalten, weil, folgt man Lehren wie z.B. Advaita, auch die Trennung oft nur reine Illusion ist. Die Einteilung in “dual” und “nondual”, in “illusorisch” und “wirklich” ist nichts anderes als das alte Trennungsspiel der Religionen in Gut und Böse, in Himmel und Hölle, Gott und Teufel und so weiter – bis wir, ich schrieb es schon, die höheren Stufen des Seins und der Erkenntnis erklommen haben.

WMB April 2014