Von der Freude

Freude ist Freude am formlosen Sein. Dass ich lebe, einen Leib und Sinne habe, Augen zum Sehen, Ohren zum Hören, Haut zum Fühlen, dass ich Gefühle, Gedanken, Ideen, Visionen habe …
Ist das schon Grund zur Freude genug? Nein. Ich bin Leib, Gedanken, Gefühle – und ebenso bin ich all das nicht. Ich bin das ICH, das Große ICH, die Essenz, mein Wesenskern. Meine Präsenz, meine Räume, das Höhere Selbst, das Selbst der Selbste …

Ich bin nicht mein Körper, doch bin ich Leib, unendlich verknüpft mit Essenz. So weit, dass Essenz schwindet, wenn Leib schwindet. Ist ohne neuronales Netzwerk in meinem Leib noch ein ICH?
Ohne Hirn, ohne Herz … ohne Lunge, ohne Leber, ohne Darm … verdrückt sich dann nicht die hehre Essenz, das ICH in die Geisterwelt, geht also wieder nach Hause?
Schon ein kleiner Defekt in den roten Blutzellen bewirkt Ich-Verlust. Aha, dann wäre Anämie bereits Auslöser fürs Erwachen? Oder ist Ich-Verlust pathologisch, wie es Mediziner schlüssig zu beweisen suchen?

Nun ja. Das ICH, auf Neudeutsch EGO* ist maßlos. Will haben und Schmerzspiele spielen. Will sich über andere erheben. Will wichtig sein. Hält Dualität aufrecht. Missversteht natürliche Polaritäten. Dann ist da ja auch noch der Narzissmus, in dem wir wie Schaumgeborene baden und der in unserer heutigen Kultur oft schon wie eine Disziplin verlangt wird.
Und Weh: Da gibt es den Schmerz auf allen Fahnen, an Kreuzen und in Boulevardblättern, und oh, alle Kunst, die Nutzlose, ist zerfressen davon … Die Katholen mit ihrer Pein, die Protestanten mit ihrer Arbeit, die Juden mit ihrer Diaspora und die Muslime mit ihrem Zorn. All die Monotheistischen Religionen …
So hat jeder was, was Substanz verleiht, Identifikation bietet. Etwas was Form gibt, vor dem Formlosen bewahrt. Puh. Das alles ist harte Arbeit.

Auf der Strecke bleibt dabei die Freude als Urkraft. Freude, die absichtslose. Die ungerichtete. Die formlose. Die das Leid verbrennende Freude. Die Engelskraft. Der Seinszustand Freude.
Tief, tief in uns. Darunter, wenn man Darunter nicht als Richtung, sondern als Qualität begreift, ist die Leere. Die Kraft, die wir das Schöpferische nennen. Das Potential ohne Gewalt. Die Gewalt der Sanftheit. Die Sanftheit des Nichts.
Leere eben. Ungeformt wie Gott. Unbeschreibbar, unbenennbar. Formlos.
Schmerz und Leid sind viel weiter oben. Leichter zugänglich. Bereits mit Gedankenform vermischt. Verbunden mit Worten und Wörtern, mit Begriffen und Etiketten. Damit, was dem Ego in den Schoß gelegt wurde.

Formlose Freude ist Freude an sich. Nicht umschlungen von Millionen, nicht Bruderkuss, nicht Fürstensturz. Jeder Falschton wird sich lösen, wie Salz im Wasser, durch der Freude formloses Sein.

Sie, die Freude ist es, die schon seit Äonen in allen Lebewesen weilt. Vor Unterdrückung farblos, banal, unverstanden, flach. Sie ist das kindlich reine Pflänzchen, das unter den Stiefeln der „Du sollst leiden”-Brüller stirbt.
Dem Schmerz, sei auf der Spur. Er ist ja Teil von dir. Ist auch Teil der Lebendigkeit. Drum finde ihn, betrachte ihn, sei mutig, halte auch die Furcht aus während der Annäherung und lass den Schmerz dadurch schmelzen wie Schnee, wie Eis im Frühling.
Wie sind wir nur so defizit-verliebt geworden, wie haben wir nur die Freude derart korrumpiert? Durch Traumen? Ja, das ist eine gute Antwort.

Wir meinen jetzt, weil irgendwelche religiösen Schriften, kultur und Zeitgeprägt, aus dem Blauen Mem heraus, nicht anders spechen konnten, dass wir den Schmerz als Leitgefühl in unsern Seelen tragen. Dass wir allein dem Schmerz begegnen müssen um zu erwachen. Doch ist Erwachen längst geschehen. Wir werden krank, wenn wir dem Schmerz zu viel Gewicht, Fokus, und Aufmerksamkeit schenken – und schlafen wieder ein. Die Freude ist es, die wir suchen, finden wollen und sollen, denn sie ist stärker als der Schmerz. Sie ist Seinszustand und jeder Schmerz wird schmelzen, wenn wir sie entdecken. Die Freude ist nicht beschreibbar mit Sprache. Sie ist kein Gedankenraum. Sie ist innere Bewegung. Darum ist Tanz ein Weg, ein Bild, sie zu beschreiben, auch die Musik und auch Gedichte. Sie ist verbündet mit der Liebe. Scheint gar ein mächtiger Teil von ihr zu sein. Suchst du sie so wie ein Ding, dann wird sie schwinden. Sie hat auch rein gar nichts mit Leistung oder Zielen zu tun, noch mit Glück und Gewinn. Wie albern, so zu denken.

Ich schrieb hier: Seins-Zustand. Dass muss verstanden werden – nein, nicht ganz so, wie wir Poesie verstehen oder funktionale Gleichung. Dieses Verstehen ist ganz anders gemeint, ganz anderer Art, ganz
and′ren Sinnes. Mehr ein Aufleuchten aus des Bauches Mitte – gefühlt, wahrgenommen vom Sinnesorgan mit der Bezeichnung Herz. Ein Einverständnis und ein Strömen, als wär ein Fluss, der tausend Jahre eingedämmt gewesen, von allen Dämmen, Mauern und dem, was ihn gefangen hielt, endgültig und ganzheitlich befreit.

Nicht Richtung, Maß und Zahl, nicht Wertung, Urteil, Wurzel hält der Freude stand. Sie ist. Sie klingt. Kommt aus dem Quantenfeld der Mitochondrien (das ist Vermutung) aus den Tiefen unserer Seele, der Essenz, aus Tiefen des Alls.
Sie ist der wahre Weg um zu erwachen, sie ist die Wärme von dem Feuer, das da Liebe heißt, die Liebe selbst ist Licht.
Noch einmal möchte ich betonen: Schattenarbeit, wo Schatten sind. Trauma-Arbeit, wo Traumen sind. So lange sie nicht wirklich da ist, bleibt Freude nur Konzept, ein leeres Wort, und oft nur Ego-Emotion.

* Der Begriff „Ego“ kam durch den Übersetzer von Freuds Werken ins
Englische. Freud schreibt generell vom „Ich“.

WMB 2018/19