Wahrnehmung

Mit unserer sinnlichen Wahrnehmung erschließen wir die Welt.
Das heißt: Alles was wir von der Welt wissen oder zu wissen meinen, ist durch eines der Tore der Wahrnehmung in uns eingezogen. Schaut man sich die physiologische Beschaffenheit der Wahrnehmung an, stößt man auf ein Wunder. So wird beim Sehen beispielsweise Licht zunächst von einer Linse gebrochen, gelangt durch den gallertartigen Glaskörper im Augeninneren zur Netzhaut, wird dort in Chemie übersetzt (Rhodopsin, Sehpurpur) um dann in elektrische Impulse umgewandelt zu werden, die dann das Auge in Richtung Thalamus verlassen, um von da aus zum Primären visuellen Cortex zu gelangen – und von da aus noch in andere Areale des Gehirns.
Ist das nicht wirklich ein Wunder, dass wir sehen können und einen Großteil der Welt mit den Augen erschließen können? Aber ist es auch gewährleistet, dass wir alle das Gleiche sehen ? Nun gut, wir gehen ganz selbstverständlich davon aus. . .

Bereits aufgrund unserer physiologischen Beschaffenheit ist der Teil der Welt, den wir wahrnehmen vermutlich ziemlich gering.
Dieser geringe Anteil wird noch verschmälert und gefärbt durch unsere Emotionen, durch die Geschichten die wir beständig über uns selbst erzählen oder uns haben erzählen lassen, und wird beeinflusst
durch Glaubenssysteme, Selbstkonzepte, Persönliche Mythologien und dergleichen mehr.

Das ist das, was die Hirnforscher als selektive Wahrnehmung bezeichnen und Buddha aussagen lässt: "Beim gewöhnlichen Bewusstsein, wie wir es täglich erleben, projiziert unser Ego  seine eigenen Bilder, anstatt die Welt 'direkt', so wie sie ist wahrzunehmen. Erst im Erleuchtungszustand werden die Dinge dann so gesehen wie sie wirklich sind, ohne Bewertung oder Anhaftung."

Auch Paul Watzlawik und Milton H. Erickson schreiben von der Subjektivität der Wahrnehmung, aus der Behinderungen entstehen. Stolperdrähte und Fallstricke. Manchmal ausgewachsene Knüppel zwischen den Beinen.
Das schränkt uns in einer Weise ein, die das Ausleben der Kraft, und unserer natürlichen Emotionen korrumpieren.Eine der Folgen davon ist, daß wir uns vor unserer brillianten Seite genauso fürchten wie vor unserer dunklen.

Wahrnehmungsinhalte bilden Prägungen und manchmal, abhängig von der Persönlichen Geschichte, dunkle Muster. Es kommt vor, dass wir in diesen Mustern regelrecht gefangen sind. In Interpretationsmustern, in Emotionsmustern, in Haltungsmustern, in Attitüden. Oft bewegen wir uns in ihnen wie in einer Feedbackschleife, ohne die Möglichkeit uns zu befreien. Im schlimmsten Fall sind Armut und soziale Verelendung, Depression und beständige Angst die Folge. Durch ungeklärte Beziehungsmuster werden Beziehungen zu Martyrien, und Partnerschaften, Verbindungen und Freundschaften laufen nach dem immer gleichen Schema ab.
All das kann sich wie eine echte echte Behinderung auswirken. Wie ein amputiertes Bein oder eine Blindheit. Als Saboteure der Freiheit unser Potential auszuschöpfen, um zur Reife und zur Natürlichkeit zu gelangen.

Das klingt alles ziemlich öd und trist. Aber die gute Nachricht ist:
Kein Mensch ist in diesen "Behinderungen" verloren. Kein Mensch muss ein Leben lang unter den inneren Selbst – Saboteuren leiden. Kein Mensch muss leiden.
Es gibt Wege die innere und äußere Wahrnehmung zu verändern und den "Blick" auf die Welt zu befreien. Das setzt noch lange nicht Erleuchtung voraus, wie Buddha meint.

Wir schauen uns zunächst die Muster an, nach denen wir funktionieren. Auch unsere kulturell bedingten Muster und persönlichen Mythologien. Wir finden und verändern sie, wir heilen sie durch spezielle Übungen, Zeremonien und Kontemplationen. Im Schamanismus nutzen wir dazu den riesigen Kraftquell des Unbewussten genau so wie den des Bewussten. Mentales, psychisches, physisches, spirituelles und sexuelles wird in diesen Prozessen quasi spielerisch balanciert. Dann könen wir nach und nach die inneren Kraftquellen anzapfen und auch äußere Ressourcen nutzen um uns dahingehend zu verändern, daß wir freie, autonome und selbstbewusste Wesen werden. Das ist das, was wir die postmoderne Magie nennen.

Wie sieht die Welt aus, wenn du sie voller Gram, voller Trauer anschaust?
Wenn Verzweiflung in deinen Därmen nagt wie eine Ratte?
Und wie sieht sie aus, wenn du aus einer guten Meditation kommst
oder aus einer Schwitzhütte. . .oder wenn du verliebt bist?

W.M.B.