Zeremonialmedizin

Zeremonien, ein wirkungsvoller Weg zur Selbstentfaltung

Zeremonien gibt es weltweit, in allen spirituellen Richtungen, in allen Religionen als wichtige, integrierte Bestandteile der Praxis, des Seelenheils, der Initiation, sowie der Erschaffung von Räumen und Verbundenheit. Hier in diesem Artikel geht es um schamanische Zeremonien beziehungsweise um schamanische Zeremonialmedizin.

Kurz vor ihrem Tod sagte die Toltekische Heilerin und Schamanin Elena Clara Sanjes:* "Zeremonien nähren nicht nur die Menschen, die sie ausführen. Zeremonien sind spirituelle Nahrung für die Wesen, Welten und Elemente, die uns umgeben. Es ist der Ruf der Erde, der Geister und die unbewusste Sehnsucht nach Befreiung in allen Menschen, dass Schamanismus mit seinen Zeremonien wieder erwacht und zu einem der wichtigen Impulse wird, welche die menschliche Evolution beflügeln."

Schon lange sind schamanische Praktiken wieder fester Bestandteil der spirituellen Community. Inzwischen gibt es weltweit Schulen, Institute und Verbände, die sich ausführlich mit Schamanismus beschäftigen. Allein die große Menge an Büchern zu diesem Thema zeigt, wie groß das Interesse an einem „etwas anderem und vor allem tiefgreifenderem Weg“ ist.
Zu lange schon wurden vom materialistisch, rationalistischen Weltbild Rausch und Ekstase ausgegrenzt, Mystisches Naturerleben pathologisiert und die Hinwendung zu anderen Wahrnehmungsformen als unvernünftig verurteilt und in die Zwangsjacke mechanistischer Rationalität gesteckt.

Der Ruf der Erde, von dem Elena Clara Sanjes spricht, der Ruf der Großen Mutter, von dem indianische Medizinleute sprechen und schreiben, das Neuerwachen der „ungekünstelten Künste“, wie es ein sibirischer Schamane nannte, der innere Wandel in den Herzen, im Bewusstsein der Menschen ist überlebenswichtig geworden. Schamanismus, Schamanentum ist eine der geeigneten Praktiken, nicht nur um der Selbstheilung willen, sondern um Verbundenheit wieder herzustellen. Verbundenheit, die notwendig ist zum Aufspüren der inneren Essenz, zum Erwachen.

Dabei macht es oft einen Unterschied, ob wir unsere Zeremonien innerhalb von Mauern, meist viereckigen Räumen, in Jurten/Tipis oder draußen in der freien Natur, in Wäldern, an Seen oder auf Bergen zelebrieren. Auch macht es einen Unterschied, ob wir die Bilder, die wir empfangen, ob wir die mystischen Erlebnisweisen in das Korsett bestimmter westlicher Psychologie schnallen oder ganz als ein Wurzelerleben, eine Rückverbindung zur Herstellung des natürlichen Gleichgewichtes und zur Harmonisierung von Leib, Seele und Geist – und Welt betrachten.
Auch macht es einen Unterschied, in welchem Bezugsrahmen, in welchen Kontext wir uns befinden.

Das beginnt mit ganz kleinen Handlungen. Das Entzünden einer Kerze, zum Beispiel und den Worten, die man dazu spricht. Räucherungen mit White Sage oder Beifuß. Das morgendliche Gebet, die Übungen, die Hinwendung zu den göttlichen Erscheinungsformen dieser Welt.

Es ist hinlänglich bekannt, dass Bäume, denen die Wurzeln abgetrennt wurden, nicht überlebensfähig sind. Hinlänglich bekannt ist auch, dass Menschen, die das in ihnen tief verwurzelte animistisch-mystische Sein abspalten, verdorren. Bei diesem Tun, bei dieser Weise handelt es sich nicht um eine "Prä-Trans"-Verwechselung, sondern um die Reaktivierung des natürlichen Holons. Ganzheit, der Weg dahin, das Holotrope, geschieht nur durch das Umarmen, das Integrieren von abgespaltenen Anteilen. Also nicht Zurückkehren, sondern Verbinden.
Wie schon Ken Wilber schrieb: "Nähere Dich den Bildern, dem Wissen und den integralen Techniken des Schamanentums, aber lasse Dich nicht auf damals gültige Weltanschauungen (!) ein. Also gehe nicht zurück in archaische, magische, mystische Vergangenheiten, sondern integriere dieses tradierte Wissen in die (noch) rationale Weltanschauung, als „Werkzeug“, um einen Weg zu finden in die spirituelle Weltsicht."

Zeremonien sind genau diese Werkzeuge. Die Schwitzhütten-Zeremonie zum Beispiel, die von vielen Menschen als ein tief spirituelles, erdendes, Seelen-heilendes Erlebnis geschildert wird.
Visionssuchen, die besonders bei anstehenden Veränderungen, oder Übergängen und überhaupt zur Initiation, oder Anschluss an ein Größeres Ganzes ausgeführt werden.
Kleinere oder größere Zeremonien in einem Steinkreis, den sich die Teilnehmer sorgfältig legen, um damit ihren persönlichen zeremoniellen Raum zu kreieren, um einen Schutzraum zu erschaffen, in dem die Zeremonie stattfinden kann, in dem Wege zur Ganzheit beschritten werden, Veränderungs und Erwachensprozesse geschehen können.

Auf diese Weise werden auch Fragen geklärt. Die wichtige Frage nach dem nächsten Schritt, oder die Frage nach der Begeisterung im Leben. Die Frage nach der größten Angst oder der größten Freude. Die Frage nach der größten Behinderung oder der fettesten Egofalle ebenso wie die Frage nach dem hellsten und erwachtesten Teil in uns. . . Auch Fragen nach dem:
"Was soll ich tun", "wie kann ich handeln", können mithilfe von Zeremonien in der Verbundenheit mit der Natur, umgeben von Steinen, Pflanzen, Bäumen, berührt vom Wind, Wasser, beschienen von Mond, Sonne oder unter einem atemlos machenden Sternenhimmel beantwortet werden.

Es ist gerade die Einfachheit, die so tief berührt. Es ist das Erkennen von "Schönheit die uns umgibt", das tiefe Begreifen der Fülle und des Reichtums unseres Seins, was sich dann in unserem Alltag niederschlägt. Die Herzensöffnungen die geschehen, das Verstehen, das jenseits des allzeit plappernden Verstandes möglich ist. Es ist diese Tiefe, dieses Strahlen in den Augen der Menschen, die von einer Zeremonie wiederkommen.

Hinter allem steht: „Erkenne dich selbst“. Das ist, was bei sämtlichen Zeremonien mitschwingt. Ob es ein „Rock talk“ ist, eine Wasserzeremonie, der Kontakt mit Windgeistern oder gar ein Lebens-oder Sonnentanz, ein Feuertanz oder eben eine Zeremonie im Steinkreis, die gemacht wird um Urängste aufzuspüren und loszuwerden.

Obwohl Zeremonie und Ritual das selbe bedeuten, unterscheiden wir immer ein klein wenig. Das Wort Ritual ist durch die 68ger zu einem regelrechten Schimpfwort geworden, als die Ritualisierungen des Alltages aufgespürt und angeprangert wurden. Mit Ritualisierung wurden alle unbewussten, gewohnheitsmäßigen Handlungen bezeichnet. An dem Wort Ritual hängt für uns der semantische Hof von etwas vertrocknetem, erstarrten, immer in der gleichen Reihenfolge ablaufendem, standardisierten. Der Geruch von Vereinheitlichung der Verfahrensweisen hängt an diesem Wort. Aber. . . manchmal benutzen wirs auch. . .  

Nun könnte jemand sagen: "Das sind doch Zeremonien, die ihr von euren indianischen Lehrern gelernt habt. Ist da nicht bereits Erstarrung dort, wo ihr die Zeremonien nachstellt, gar immitiert?"
Diese Frage hat uns nie beschäftigt. Unsere indianischen Lehrer sagten von Anfang an:
" Nützt unser Wissen, nutzt die Zeremonialmedizin als Einstieg und Anleitung dazu, wie ihr eure eigenen Formen kreieren könnt und sucht damit nach euren eigenen Wurzeln."
Wie auch sonst? Wir sind Blassgesichter, Mitteleuropäer und stehen in keiner indianischen Traditionslinie. Die ist auf unserem Boden einfach nicht gewachsen. Auch wenn wir über 15 Jahre lang bei indianischen Medizinleuten gelernt haben. . .

Selbstverständlich könnte man gerade die Art, wie wir einen Steinkreis legen,  als "von Indianern abgeschaut" betrachten. Oder aber auch als ein großartiges Geschenk, wie die Medizinpfeife, das Medizinradwissen und die Schwitzhütten. Ein Geschenk, das wir ehren und achten und mit großem Respekt behandeln, weil es uns die Möglichkeit gegeben hat, grundlegende Veränderungsprozesse einzuleiten und aus dem für uns anfänglich brachliegenden spirituellen Brauchtum, aus den verstümmelten Hinweisen, aus den missbrauchten Formen Europäischer Tradition zu lernen, hinzuzufügen und zusammenzufügen um dann schließlich zu erkennen, dass wir hier in Europa auf einer Schatzkiste sitzen, die erst einen Spalt weit geöffnet ist.

Ja, es waren indianische Medizinleute, die uns erinnert haben. Die uns Hoffnung und Motivation gaben. Die uns ein erweitertes Verständnis schenkten, von Ökologie, von der Arbeit mit den Heiligen Elementen, mit den Formen des Selbst und vom Schamanismus. Sie waren es, die uns verständlich machten, wie wichtig die Arbeit der Selbstentwicklung ist, am Verstandes-Ego (an der Illusion) und dass schamanische zeremonielle Techniken zum Erwachen führen.

Es war aber auch ein "verrückter Russe" (Igor Balushin), ein Schamane, der mit dem Auftrag seiner sibirischen Lehrer quer durch Europa reiste um Kraftorte, Dolmen und Menhiere aufzuspüren, zu kartographieren und/oder gegebenenfalls wieder zu re-aktivieren! Das tat er mit Zeremonien.
Von ihm kamen ebenfalls wichtige Hinweise und Lehren, die wir verwenden können, Techniken und Herangehensweisen um ein europäisches Schamanentum wieder zu aktivieren. Dabei geht es, und das sind seine Worte, nicht um
кукольный театр (kukolnyi teater = Kasperletheater), sondern um tiefes, spirituelles Tun, das im Sein mündet und sich auf das Ganze, auf Natur, die Geisterwelt und das Menschliche Kollektiv auswirkt. Auch Igor gab uns Hinweise, wie eine Zeremonie ausgeführt werden kann und sollte, damit sie sich entfaltet, damit Raum geöffnet wird, damit sie wirken kann. Ebenso wie Großmutter Elena Clara Sanjes sprach er von der Verbindung mit Feldern und Bändern, wie zum Beispiel dem Akashafeld, dem morphischen Feld oder dem Wirth.

Zeremonien sind seit 25 Jahren Teil unseres Seins, Teil unseres Alltages geworden. Wir haben die klärenden und erweiternden Möglichkeiten der Zeremonien schätzen und lieben gelernt. Oft waren wir erstaunt, welch große Kraftvolle Räume wir damit öffnen konnten. Wie viel Heilung wir durch sie erfuhren, Stabilität und Weisheit. Das großartige Wissen möchten wir darum weitergeben. Auch unsere Lehrer forderten uns dazu auf und „das Leben“ selbst.

* Elena Klara Sanjes lebte in Mexiko. War eine gebürtige Mazatekin, lernte bei verschiedenen Nord und Südamerikanischen Lehrern und Naguals. Nach eigenen Angaben war sie auch Lehrling bei Don Juan Mathus und kannte Carlos Castaneda. Sie selbst bezeichnete sich als Toltekin, bzw. als toltekische Lehrerin.